Du betrachtest gerade Ein Pfarrer mit offenem Ohr: Jens Greve feierlich in der Kreuzkirche Horrem entpflichtet

Eigentlich wollte Pfarrer Jens Greve keine Tränen vergießen, nun standen sie ihm aber bereits vor Beginn des Gottesdienstes in den Augen, angesichts der Scharen, die in die Kreuzkirche am Mühlengraben in Kerpen gekommen waren. Bei der feierlichen Entpflichtung ihres Gemeindepfarrers von seinem Amt dabei zu sein, war für seine Schäfchen Ehrensache. Ein Posaunenchor begleitete sein „letztes Mal“, eine Mundharmonikagruppe, der Chor Voices of Joy und drei Veeh-Harfen. Der Abschied fiel Greve sichtlich schwer.

Er habe eigentlich nie eine Einzelpfarrerstelle annehmen wollen, erzählte er, weil man da Ansprechpartner für alles sei. Der gebürtige Essener war nach seinem Studium in Wuppertal daher zunächst in einem Sonderdienst in Düsseldorf beschäftigt, bevor es ihn dann doch als Pfarrer nach Kerpen-Horrem verschlug – zum Glück. So sieht es Greve heute: „Nach all dieser Zeit, möchte ich Gott von Herzen Danke sagen“, sagte er. „Danke, dass Du mich und meine Lieben hierhin geschickt hast.“ Denn er war dann doch gerne immer ansprechbar.

Jens Greve wird von Pfarrer Jan Ehlert entpflichtet.
Jens Greve wird von Pfarrer Jan Ehlert im Auftrag des Kirchenkreises Köln-Linksrheinisch entpflichtet.

Die Presbyter und Presbyterinnen bestätigten das am Rande des Gottesdienstes: Mit den Menschen zu sprechen, habe ihm immer besonders viel bedeutet, die Gemeinschaft, Besuchskreise, Kontakte zu den älteren Menschen. Er sei der Ansicht gewesen, dass man nicht einfach warten solle, dass die Menschen in die Kirche kommen, sondern auch zu ihnen hinausgeht.

Und so betonte Greve auch in seiner Predigt, die menschlichen Begegnungen hätten sein Leben bereichert, die gegenseitige und gemeinsame Seelsorge, die Gespräche, das Lächeln, die Gottesdienste. Und ja, er wisse, er sei bekannt dafür gerne und viel zu reden, verspreche aber, dass die Predigt nicht länger als 20 Minuten dauern solle.

„Also vertrauen wir dem Herrn auf neuen Wegen“

Ihr Thema war passenderweise das Loslassen. Sie drehte sich um das Gleichnis vom verlorenen Sohn nach dem Lukas-Evangelium: Während der ältere von zwei Söhnen zuhause auf dem Hof des Vaters seiner Pflicht nachkommt, lässt der jüngere sich auszahlen, geht fort, verjubelt das Geld und kehrt dann doch zurück. Er wird vom Vater festlich empfangen, was den älteren Bruder verärgert. Doch sein Vater betont, wichtiger, als das, was der Jüngere getan habe, sei doch, dass er zurückgekommen sei.

Es sei vor allem auch eine Geschichte vom Loslassen, führte Greve aus. Der Vater im Gleichnis könne das nicht leicht. Man könne in ein schwarzes Loch fallen, wenn man alles aufgibt, das einen getragen und Sicherheit gegeben hat. Wie könne man also loslassen, ohne dass es wehtut? Dafür gebe es kein Patentrezept, so Greve. Er habe aber in der biblischen Geschichte einen Anhaltspunkt gefunden, der ihm selbst dabei helfen könne. Nicht nur der Vater müsse seinen Sohn loslassen, sondern auch Gott die Menschen. Die Geschichte zeige, wie er das macht: „Er lässt uns alle gehen und machen. Gott zwingt uns nicht zum Glauben an ihn noch an irgendwelche Gebote und Lebensformen.“ Die Verheißung des Gleichnisses sei, dass Gott den Menschen Mut machen möchte, immer wieder neu loszulassen, mit ihm. „Also vertrauen wir dem Herrn auf neuen Wegen“, so Greve. „Ach, das ist schon schwer.“

„Üben wir Liebe“

Marcel Ponier von der Neuapostolischen Kirche bedauerte es ebenfalls sehr, dass ihr gemeinsamer ökumenischer Weg sich nun trennt: „Auch wir müssen jetzt ein geliebtes Mitglied loslassen“, sagte er, und sprach der Gemeinde Mut für die Zukunft zu: „Wenn man die Nachrichten schaut, ist alles im Moment ganz furchtbar. Jeden Tag ist etwas anderes. Gehen wir nicht darauf ein. Üben wir Liebe. Üben wir die nächsten Dinge. Verlassen wir unsere Sicherheit.“ Es komme jemand, der die Hand reiche. Man könne sie annehmen, vertrauensvoll, den Egoismus loslassen und Jesus in das Lebenszentrum stellen. Er schloss mit einem Satz von Joseph Campbell: Wir müssen bereit sein, das Leben loszulassen, das wir geplant haben, damit wir das Leben bekommen, das auf uns wartet.

Vor der feierlichen Entpflichtung im Kreis der Pfarrer, Pfarrerinnen und Diakone, die Greve ihren persönlichen Segen mit auf den Weg gaben, erhielt er noch persönlichen Zuspruch von Pfarrer Jan Ehlert, der ihn im Auftrag des Kirchenkreises Köln-Linksrheinisch entpflichtet hatte: „Du bleibst ja Pfarrer der evangelischen Kirche im Rheinland, aber was jetzt kommt, ist nur noch Kür.“ Mit dem feierlichen und bestens besuchten Gottesdienst würde noch einmal deutlich, wer Greve als Pfarrer war und ist: „jemand mit einem offenen Ohr“, betonte Ehlert, „einer der da ist, ein Pfarrer, der Kontakte sucht und der mit seinen Gemeindemitgliedern durch die Höhen und Tiefen geht. Einer trage des anderen Last, heißt es im Galaterbrief“, sagte Ehlert. „Dein Dienst war die lebendig gewordene Form dieses Verses. Deine Gottesdienste waren überregional bekannt.“ Leidenschaft sei spürbar gewesen. Die Früchte von Greve Wirkens ließen sich wahrnehmen. Und es sei noch nicht zu Ende. Es gäbe weiterhin immer wieder jemanden, der ein offenes Ohr braucht, oder einen Pfarrer im Ruhestand, der doch noch eine Predigt übernimmt.

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

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