Die Entpflichtung geriet – nun ja – ein wenig ungewöhnlich. Und passte zu dem Pfarrer, der verabschiedet wurde. Thomas Diederichs predigte 36 Jahre in der Lutherkirche in Nippes und geht am 1. September in den Ruhestand. In Erinnerung bleiben wird er vor allem wegen der Kulturkirche, die er initiierte. Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen lockten immer wieder Publikum aus der ganzen Stadt und darüber hinaus an. Und welcher Veranstaltungsort außer der Lanxess-Arena könnte sich rühmen, Weltstars wie Sting und Ed Sheeran zu Gast gehabt zu haben?
Stadtsuperintendent als Vorgruppe: Ein Abschied auf seine eigene Art
So war auch der Abschiedsgottesdienst von Diederichs von Musik geprägt. Stadtsuperintendent Bernhard Seiger, der gekommen war, um den Pfarrer zu „entpflichten“, erkannte die Situation und passte sich an. „Ich bin ja im Prinzip heute hier die Vorgruppe“, erklärte er auf der Bühne, bevor der Gottesdienst begann. Diederichs wollte von einer Entpflichtung nichts wissen. „Ich habe meinen Job hier nie als Pflicht verstanden. Deshalb muss ich auch nicht entpflichtet werden.“ Seiger hatte zwar eine Rede vorbereitet, steckte aber die Sprechzettel in die Hosentasche. „Das willst du ja alles nicht hören“, wandte er sich an Diederichs. Ganz ohne Lob wollte der Stadtsuperintendent den zukünftigen Ruheständler aber nicht davonkommen lassen. „Du hast die Gabe, andere anzusprechen. Die Konzerte hier in der Lutherkirche ermöglichten Erlebnisse im öffentlichen Raum.“ Explizit nannte Seiger Diederichs Engagement gegen Faschismus. „Und jetzt wirst du Rentner sein. Da wartet das nächste große Abenteuer.“ Auf das der Abenteurer nicht wirklich vorbereitet war. „Ich schaue mal, was passiert“, warf Diederichs einen entspannten Blick in die fernere Zukunft.
Hannah Arendt und die leisen Töne: Haltung als Lebensthema
Für den Abend war seine Prognose eindeutig: „Es wird laut. Aber wir werden auch leise Töne hören. Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des dreifaltigen Gottes. Ich hoffe vor allem, dass ihr ihn miteinander feiern könnt. So unterschiedlich ihr auch seid.“ Laut wurde es in der Tat. Eine Allstar-Band der Gemeinde spielte in verschiedenen Besetzungen auf. Für die leisen Töne sorgte nicht zuletzt Diederichs selbst. Er erinnerte an das Jahr 1977, als er sich „halblegal“ den Zugang zu einem Fernseher verschaffte und die Wiederholung eines Interviews sah, das Günter Gaus mit der Philosophin Hannah Arendt 1964 geführt hatte. „Danach wusste ich Bescheid. Die Nazis waren immer noch da.“ Der Pfarrer zitierte Arendt: „Dass die Nazis unsere Feinde sind – mein Gott, wir brauchten doch, bitteschön, nicht Hitlers Machtergreifung, um das zu wissen! Das war doch seit mindestens vier Jahren jedem Menschen, der nicht schwachsinnig war, völlig evident. Dass ein großer Teil des deutschen Volkes dahinterstand, das wussten wir ja auch. Davon konnten wir doch nicht ’33 schockartig überrascht sein. Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was damals in der Welle von Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors, vorging: Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete.“ Auch heute gebe es Menschen mit grotesken Ansichten zu Adolf Hitler.
36 Jahre Nippes: Kulturkirche, Jugendarbeit und ein Veedel im Wandel
Diederichs, gebürtiger Ratinger, trat nach einer Station in Monheim am 1. September 1990 offiziell seinen Dienst in Nippes an. Seitdem verjüngte sich das Veedel enorm. Man kann sagen, dass Nippes über die Jahre Kult wurde. Auf dem Clouth-Gelände, wo früher im großen Stil Gummiprodukte hergestellt wurden, stehen heute Wohnhäuser, in die zahlreiche junge Familien einzogen. Das Gleiche gilt für das ehemalige Areal des Bundesbahnausbesserungswerks, das bei Diederichs Amtsantritt brach lag. 2002 begann die Geschichte der Kulturkirche, die sich zu einer echten Erfolgsstory entwickelte. Diederichs engagierte sich aber auch in der Jugendarbeit der Gemeinde. Das Jugendzentrum OT Werkstattstraße genoss im Veedel einen ausgezeichneten Ruf. Und die Plätze in der von der Gemeinde verantworteten Sommerferien-Kinderstadt „Mini Nippes“ waren seit 2014 immer in Windeseile vergeben. Für Furore im konzertanten Gottesdienst sorgte der Titel „Insomnia“ von Faithless. Die Zeile „I can’t get no sleep“ sangen in der Lutherkirche alle mit. Die schlaflosen Zeiten sollten für den zukünftigen Rentner Diederichs allerdings Geschichte sein. Aber – wer weiß, was noch kommt?
Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann
Der Beitrag Abschied mit Allstar-Band: Wie Thomas Diederichs 36 Jahre lang Nippes geprägt hat erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.
