Du betrachtest gerade Die Kirche im Dorf lassen – Erfahrungen aus dem Osten als Inspiration für den Wandel
Joachim Liebig hatte als Beispiel einen Bericht aus einer Zeitung aus Dessau dabei.

Die Evangelische Kirche ist im Umbruch, auch im Rheinland. Durch die demographische Entwicklung und Säkularisierung sinkt die Zahl der Mitglieder stark. Es bleiben leere Gebäude – und viele Fragen für die Gemeinden: Wie wollen wir uns künftig in der Gesellschaft positionieren? Wie viele Gebäude brauchen wir? Was geschieht mit Kirchen? Wie finanzieren wir Gemeindeprojekte? Bei der Suche nach Antworten hatte die Friedenskirchengemeinde in Liblar den ehemaligen Kirchenpräsidenten der Anhaltinischen Landeskirche, Joachim Liebig aus Dessau, zu einem Vortrag geladen. In etwa 15 Jahren seiner Amtszeit im Osten konnte er viele Erfahrungen sammeln. Liebig stellte zunächst klar: Die Lösungsansätze, die man in den neuen Bundesländern gefunden hat, könnten in den alten nur als Inspirationsquelle, nicht als Lösungsrezept dienen: In der anhaltischen Landeskirche als Minderheitskirche seien nur 9 Prozent der Bevölkerung Mitglieder, schilderte Liebig, aus geschichtlichen Gründen: Nachdem die DDR gegründet wurde, habe Anfang der 50er-Jahre Moskau die Order ausgegeben, dass die Kirche in den Satellitenstaaten der UdSSR verschwinden müsse. Alle Menschen, die sich zur Kirche bekannten, hätten eklatante Nachteile gehabt, bekamen keine Wohnung, konnten beruflich nicht aufsteigen. In den 60er Jahren hätten auch Schlägertrupps der Freien Deutschen Jugend Gruppen von Jugendlichen verprügelt, einfach, weil sie aus der Kirche kamen. So verunsichert seien Menschen aus der Kirche ausgetreten oder zu Karteileichen geworden. Wie man in so einer Situation als Kirche noch Fuß fassen, „die Kirche im Dorf lassen?“ Liebig hat zehn Thesen entwickelt.

Kirchensteuer, Beamtenstatus, Finanzierung – das System steht vor dem Umbau

Die erste lautet: Die Kirche könne die Kirchensteuer, die der Staat für sie einzieht und weitergibt, nicht aufrechterhalten. „Die Plausibilität eines solchen Zwangsbeitrags schwindet wie Sand zwischen den Händen“, betonte Liebig. Das würde unter anderem zu der zweiten These führen: Die öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnisse würden durch privatrechtliche, also Angestelltenverhältnisse ersetzt werden, aus zwei Gründen: Der eine Grund sei die Pensionslast. Der andere sei die wachsende Zahl von jungen Leuten, die kein Beamtenverhältnis mit der Kirche mehr eingehen wollten. Sie wollten sich nicht mehr für ihr ganzes Leben für ein Dienst- und Treueverhältnis verpflichten. Die dritte These besage, dass die Kirchensteuer durch ein anderes Finanzierungssystem ersetzt werden müsse. Man müsse Alternativen finden. Liebig nannte als Beispiele das Freiwilligkeitssystem wie die Vereinsfinanzierung. In Italien gebe es beispielsweise das 8-Promille-System: Jeder Italiener, jede Italienerin zahle diesen Prozentsatz seines Verdienstes an eine Institution der eigenen Wahl.

Nach Liebigs Vortrag stellten die Besucher und Besucherinnen Fragen und diskutierten mit ihm.

Mehr Bewegung, weniger Institution – Kirche muss sich neu erfinden

Die vierte These beziehe sich auf die Entwicklung, die eine jede Institution durchlaufe, von den Anfängen als Bewegung über die Organisation zur Institution. So habe sich die Kirche als Bewegung in der Zeit, als Jesus lebte, und in der frühen Kirche über die Nachwahl der Apostel und später die Wahl der Diakonen organisiert und über die „Konstantinische Wende“ institutionalisiert. „Wir brauchen jetzt wieder mehr Bewegung“, stellte Liebig fest. Die fünfte These: Die missionarischen Impulse der jüngeren Geschichte, wie die Betrachtung der Kirche nach ökonomischen Gesichtspunkten, beispielsweise durch den Unternehmensberater Roland Berger, seien gescheitert. „Die Kirche ist eine eigene Art“, betonte Liebig. „Man kann bestimmte Elemente auch unter säkularen Gesichtspunkten behandeln, aber der eigentlich Handelnde in der Kirche sind ja nicht wir, sondern ist der Heilige Geist.“ Sechstens seien Kirchengebäude steingewordene Präsenz des Glaubens. Umnutzungen seien daher zu vermeiden. Die anhaltischen Kirchen, beispielsweise, seien zu 90 Prozent denkmalgeschützte romanische Dorfkirchen. Man könne sie nicht verkaufen, weil man die Verantwortung dafür abgebe, was mit ihnen geschehe. So sei man dazu übergegangen, die Kirchen einzumotten. „Man muss schauen, dass das Dach und die Fenster dicht sind. Die Orgeln müssen herausgeholt werden. Dann mache man sie dicht.“ So könne man sie für die Nutzung durch künftige Generationen sichern.

Gemeinden zusammenführen, Ehrenamt stärken – Strukturen für die Zukunft

Die „Dorfkirche“ in Liblar.

Die siebte These besage, dass die Parochie, also die organisatorische Einheit, die von einem Pfarrer geleitet wird, nicht aufrechterhalten werden könne, weil der Nachwuchs fehle. Es müsse nun sinnvolle Zusammenführungen geben, und zwar nach inhaltlichen Kriterien, nicht nach Zahlen. So könnten sich beispielsweise eine Gemeinde mit einem schönen Gemeindehaus und eine andere mit einem kirchenmusikalischen Schwerpunkt ergänzen. Die Gemeinden sollten sich überlegen, mit wem sie sich zusammenschließen möchten. Der Verbund, der aus mehreren Gemeinden besteht, sei nach der achten These dann mit vier Kräften aus Kernberufsgruppen der Verkündigung auszustatten. Neben dem Pfarrdienst seien das Menschen, die sich um Kirchenmusik, Gemeindepädagogik, die Gemeindediakonie und die Gemeindeverwaltung kümmern. Die jeweilige Rollenverteilung sei der eigenen Gewichtung überlassen. Die neunte These besage, dass Presbyterien zunehmend auch geistliche Aufgaben übernehmen müssten – und sei es, auf einfache Weise, beispielsweise alte Menschen in der Nachbarschaft zu besuchen und mit ihnen ein Gebet zu sprechen. Seine zehnte These lautet schließlich: Nur unter fiskalischem Druck würde das nicht funktionieren. Gleichzeitig sei aber nur der fiskalische Druck ein Leidensdruck, der zur Verhaltensänderung führe. Liebig fasste seine Botschaft zusammen: Man solle keine Angst vor Veränderungen haben, nicht alles unter finanziellen Gesichtspunkten sehen, genau überlegen, wo man hinwolle und die kleine Form beibehalten.

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

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