
Die blütenweißen Exponate mit ihren Löchern, Spalten, Unebenheiten und Reliefs rufen ganz laut: „Fass mich an!“ Das empfindet Pfarrerin Susanne Zimmermann genauso. Bei der Eröffnung der Ausstellung des Künstlers Wolfgang Heuwinkel in der Erlöserkirche in Weidenpesch bat sie die Gäste, es dennoch nicht zu tun. Schließlich hatte der Künstler auch für Trost gesorgt und so bekamen alle am Kircheneingang einen Schnipsel des besonderen Zellstoffes in die Hand, den er für seine Skulpturen verwendet, als Ersatz für das verbotene Tasterlebnis.
Unter dem Titel „Begegnung, Dialog und Verwandlungen“ sind seine Werke nun während der Fastenzeit in der „Kunstkirche“ passend inszeniert, hinter einem feinen Papiervorhang – und tun das, was der Ausstellungstitel nahelegt: Die namenlosen Skulpturen nehmen dort eine ganz eigene Bedeutung an und rufen in den Betrachtern verschiedene Assoziationen hervor: Auf dem Altar liegt ein Papierstapel, der durch einen tiefen Spalt in der Mitte auf eigentümliche Weise verbunden wirkt. Er sieht aus wie ein Buch, dessen Inneres freigelegt ist, wie eine Bibel, deren sensibler Inhalt offenliegt, Menschheitsgeschichten. Andere Werke, große aufgestellte und durchlöcherte Papierrohre erinnern im Kirchenkontext an biblische Salzsäulen. Auch mit Feuer hat der Künstler sein Material bearbeitet und so einem anderen Papierstapel ein Löcherquadrat mit malerisch geschwungenen schwarz verkohltem Rahmen verpasst. Ein riesiger Papierstreifen mit glatter und reliefartig rauer Oberfläche trägt ein Muster aus kleinen und großen Löchern fast wie eine Landschaft.
Pfarrerin Zimmermann deutete die Werke aus theologischer Perspektive: „Seine Werke haben einen engen Bezug zur Natur, zum Werden, Wachsen und Vergehen“, betonte sie. Die Urzelle des Papieres symbolisiere, wie Gott im Leben nimmt und etwas Neues schöpft. Das Buch auf dem Altar erscheine verwundet. Es erzähle von Menschen, die trotzen, scheitern, aber auch immer wieder Zuversicht finden.
„Und dann hat es Klick gemacht“ – Lanzarote als Wendepunkt

Kurator Holger Hagedorn hatte angesichts der ungewöhnlichen Papierkreationen Fragen an den Künstler: Was denn geschehen sei, das ihn veranlasst habe, sich von den anfänglichen Landschaftsaquarellen auf die Papierskulpturen zu verlegen? Die Antwort lautete kurz: „Lanzarote“. Er habe versucht, so Heuwinkel, die Landschaft der Vulkaninsel künstlerisch in den Griff zu bekommen, sei aber mit der gewöhnlichen Aquarellmalerei gescheitert. Bei der Suche nach einer Lösung habe er zufällig Papier zerrissen. „Und dann hat es Klick gemacht“, so der Künstler. „Der Sprung war geschafft vom flächigen Papier, das die Farbe aufnimmt, zur Struktur.“ Das Material sei in den Vordergrund getreten. Die Werke wurden dreidimensional.
Ein distinguierter Mann greift zur Axt
Hagedorn fragte weiter, warum ein so distinguiert wirkender Mann wie Wolfgang Heuwinkel zur Axt greift, um Kunstwerke zu schaffen? „Sie ist einfach ein Werkzeug, das mir am gelegensten kam und Wucht hat, wenn man auf das Material schlägt.“ Bei allem Spalten, Zerlöchern und Verkohlen ist Heuwinkel aber nicht von Zerstörungswut getrieben, sondern eher von einem Forschergeist. Der 1938 in Detmold geborene Graphiker war lange Manager der Papierfabrik Zanders in Bergisch Gladbach und von Berufs wegen Papierfan. Er experimentiert mit der ursprünglichen Daseinsform des Materials, dem Naturprodukt Zellstoff, hergestellt aus den Fasern von Bäumen, und mit allen seinen Möglichkeiten, immer auf der Suche nach neuen Formsprachen und Kontexten. Er würde sich Fragen stellen, die über das rein Ästhetische – eher ins Organische hineingehen, sagte Heuwinkel, wie zuletzt die: „Weist dieses Material so viele Elemente auf, dass es Wachstum generieren kann?“ Das habe er ausprobiert, in einen Zellstoffblock mit einer Säge ein Loch hineingeschnitten und ein Bäumchen hineingepflanzt, eine Kiefer. Das Experiment habe funktioniert und würde einen Bezug zum Thema Nachhaltigkeit herstellen.
Wenn der Vorhang ein Eigenleben entwickelt
Bei der Ausstellungseröffnung gab es noch eine andere Form von künstlerischem Dialog: Heuwinkel hatte mit dem Klangkünstler und Meisterschüler von Rita McBride an der Düsseldorfer Kunstakademie Konstantinos Angelos Gavrias eine feine Kunst-Licht-Klanginstallation erarbeitet. Zu dessen wabernden Gong-Klängen begab sich ein von Heuwinkel gesteuerter Lichtstrahl auf die Suche im Raum, fiel auf die Objekte, schließlich auf den Papiervorhang, wo sich nun farbige Muster und Ornamente mit dem im Luftzug eines Ventilators wehenden Vorhang verwoben und ihm Eigenleben verpassten. Das war nicht ganz kontrollierbar: Ein Vorhangteil wickelte sich schließlich um den Kopf einer Besucherin.
Das Publikum war beeindruckt und freute sich auf das noch ausstehende Rahmenprogramm zur Ausstellung. https://begegnungsgemeinde.de/
Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch
Der Beitrag „Papier trifft Feuer, Licht und Klang“ –Wolfgang Heuwinkel eröffnet Ausstellung in der Erlöserkirche Weidenpesch erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.
