Judentum und Christentum „Schulter an Schulter“ – dieser Vorstellung widmete sich ein ökumenischer Gottesdienst in der evangelischen AntoniterCityKirche mit Stadtsuperintendent Bernhard Seiger. Anlass war die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille. Im Festsaal des Gürzenichs ehrte der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pater Prof. Dr. Christian M. Rutishauser SJ. Ausgezeichnet wurde der Schweizer Jesuit und Judaistik-Professor für sein vielfältiges jahrzehntelanges Engagement für den christlich-jüdischen Dialog.
In der Antoniterkirche wurde neben Rutishauser mit Rafi Rothenberg auch ein jüdischer Gast namentlich willkommen geheißen. Der Vorsitzende der Jüdischen Liberalen Gemeinde Köln „Gescher LaMassoret e.V.“ rezitierte eingangs Psalm 1 auf Hebräisch und sprach vor dem Friedensgruß ein hebräisches Friedensgebet.
Diakon Freiwald mit Impuls „Juden und Christen in Köln“

Der katholische Diakon Jens Freiwald ging mit einem Impuls auf „1700 Jahre (und mehr) Juden und Christen in Köln“ ein. Der Vorsitzende des Theologischen Ausschusses der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sprach von der Vision, dass beide Seiten in Köln gemeinsam die Barmherzigkeit Gottes bezeugten. „Dass diese Vision Wirklichkeit werde, sichtbar und heilsam für diese Welt, dafür haben wir gerade gebetet.“ Nur sieben Jahre lägen zwischen der Erwähnung des ersten Kölner Bischofs Maternus 314 und der frühesten Nennung einer jüdischen Gemeinde in Köln in einem Dekret von Kaiser Konstantin 321.
„Diese bis heute 1700 Jahre waren weniger von einem Schulter an Schulter, als von einer mehr oder minder misstrauischen Koexistenz bis hin zu manifestem Antijudaismus und Pogromen an der jüdischen Bevölkerung geprägt“, fasste der Diakon zusammen. Im christlichen Antijudaismus habe auch der mörderische Antisemitismus der Nazis gewurzelt – und dieser seinen grausamen Höhepunkt im Menschheitsverbrechen der Shoah erreicht. Wir dürften dankbar sein, dass trotz all des Leides, das Kölnerinnen und Kölner ihren jüdischen Mitbürgern zugefügt hätten, nach der Nazidiktatur hier erneut jüdisches Leben entstanden sei und sich entwickelt habe.
Rutishauser auch in der Jury des „Internationalen Kunstwettbewerbs Kölner Dom“ engagiert
Zu Rutishausers zahlreichen Verdiensten um den christlich-jüdischen Dialog zähle sein Engagement in der Jury des „Internationalen Kunstwettbewerbs Kölner Dom zum christlich-jüdischen Verhältnis heute“, so Freiwald. Dieser Wettbewerb stelle einen Höhepunkt der seit Beginn dieses Jahrhunderts stattfindenden Auseinandersetzung mit antijüdischen Artefakten im Kölner Dom dar.
Dr. Martin Bock über Zefanja und Martin Buber

In der ersten von zwei Predigten widmete sich der evangelische Pfarrer Dr. Martin Bock einem Text aus dem Buch des Propheten Zefanja (3,9-13) in der Hebräischen Bibel. Eingangs rief der Leiter der Melanchthon-Akademie eine eindrückliche Rede des Religionsphilosophen Martin Buber in Erinnerung – gehalten in einem Religionsgespräch mit dem Bonner evangelischen Neutestamentler Karl Ludwig Schmidt Anfang 1933. Bock sprach von den Zeugnissen der Jahrhunderte langen „Vergegnung“ (eine Wortschöpfung Bubers) von Juden und Christen. Das Fehlen ihrer wirklichen Begegnung habe sich weltweit, ebenso in Worms und im Kölner Dom in Kunstwerken festgeschrieben und dann auch im rassischen Antisemitismus.
Mit ihrem Austausch hätten der Jude und der Christ dem Rassismus der Nazis etwas Biblisches entgegensetzen wollen, so Bock. Jedoch sei Schmidt wie die Kirchen der Auffassung gewesen, „dass in der Tat die Kirchen den Bund Gottes auf sich übertragen bekommen haben und Israel seine Bestimmung verloren habe“, sagte der Theologe. Von einer solchen Sicht von „Vergegnungen“ bis in die Tiefe seien Juden und Christen heute weit entfernt. „Dafür bedurfte es einer großen Anstrengung der Ökumene und eines großen, großen Schreckens, zu sehen, dass genau diese tatsächlich unbiblische Theologie und die fehlende Solidarität und der Hochmut dazu geführt haben“, dass das Judentum auch im Holocaust weitgehend alleine geblieben sei. „Dass es dem Rassismus und Antisemitismus ausgeliefert wurde und zwar deshalb, weil die Kirche ihn innerlich mitgetragen hat.“
Der Prophet Zefanja habe ungefähr im 7. Jahrhundert vor Christus in einer Zukunftsvision davon gesprochen, dass alle einmütig den Namen des Herrn anrufen und ihm „Schulter an Schulter miteinander“ – auf Hebräisch „mit einer Schulter“ – dienen würden, so Bock. Dass wir radikal anders sprechen und handeln, einander gewähren lassen und voneinander lernen würden. „Ich brauche nicht zu sagen, wie weit unsere Welt von diesem Bild entfernt ist“, sprang Bock in die Gegenwart.
Markus Herzberg über „Ecclesia und Synagoga“
In der zweiten Predigt sprach Citykirchenpfarrer Markus Herzberg über einen neutestamentlichen Text aus dem Matthäus-Evangelium (5,17-20; Jesus und die Tora).Der Theologe erinnerte sich an seine Studienzeit in Bochum und die dortige Probsteikirche. Dabei habe sich ihm in einem mittelalterlichen Seitenaltar ein abscheuliches Bild geboten – die „Begegnung“ der schönen, stolzen, bekrönten Ecclesia mit der Synagoga, dargestellt mit Augenbinde, gebrochener Lanze und verlorener Krone: „Zwei allegorische weibliche Figuren, die in der Ikonografie des Mittelalters personifiziert das Christentum und das Judentum symbolisieren.“
Dieses Altarbild zeige deutlich, welche verachtende Feindlichkeit und welchen ungeheuren Antisemitismus die Kirchen mit geschaffen hätten, konstatierte Herzberg. Der Matthäus-Text klinge geradezu wie eine Antwort des jüdischen Rabbis Jeschua von Nazareth darauf: „Denkt nicht, ich sei gekommen um die Tora oder die Propheten außer Kraft zu setzen.“ Jesu Anspruch sei es, die ganze Tora und die Propheten zu erfüllen. Gottes Wort warte darauf, die Realität zu gestalten und zu verändern. „Der Gegensatz zur Auflösung der Tora und der Propheten ist nicht die Einhaltung, sondern die Realisation und Gestaltwerdung ihrer Worte auf dieser Erde und im Leben der Menschen“, legte der Theologe aus.
Wer Jesu Worte höre, könne Synagoga und Ecclesia einzig und allein als zwei aneinander interessierte, sich auf Augenhöhe begegnende Frauen Schulter an Schulter darstellen, betonte der Pfarrer. Laut Herzberg geht es Jesus darum, dass in allen Geboten der Tora das Liebesgebot gehört und beachtet wird. Jedes der Gebote fordere über seinen Wortlaut hinausgehend zur bedingungslosen Nächstenliebe auf: „Wenn wir es so hören und leben, dann, nur dann stehen Judentum und Christentum Schulter an Schulter im Glauben, im Hoffen (…) auf das die Gerechtigkeit überfließend sei.“
Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich
Der Beitrag „Schulter an Schulter“ – Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille: Zeichen für christlich-jüdischen Dialog erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.
