Du betrachtest gerade Zwischen zwei Welten – wie Dagmar und Dieter Schwirschke 30 Jahre die Gehörlosengemeinde Köln prägten

Wedelnde Hände verabschiedeten Pfarrerin Dagmar Schwirschke und Pfarrer Dieter Schwirschke in der Kartäuserkirche. Mit Gebärdensprache drückten etliche Menschen der Gehörlosengemeinde in Köln, aus Aachen und der Region ihre Anerkennung aus – für das Engagement des Paares als Pfarrer und Pfarrerin, Seelsorger und Seelsorgerin sowie als Ausbilder von anderen Seelsorgenden. Zu ihrer feierlichen Entpflichtung, die der Superintendent des Kirchenkreises Rechtsrheinisch, Torsten Krall, am Ende vornahm, waren viele gekommen, um sich noch einmal persönlich zu verabschieden, bevor sie nun in den Ruhestand gehen. Vor knapp 30 Jahren übernahm das Pfarrer-Paar die Gehörlosengemeinde in der Kölner Südstadt. Später kam die Gehörlosenseelsorge in Aachen und der Region dazu. Den Abschiedsgottesdienst hielten sie nun in der dabei bestens erlernten Gebärdensprache, während der jeweils andere für die hörenden Besucherinnen und Besucher dolmetschte.

„Er hat beides: Mut und Angst – und manchmal wechseln sich beide ab“

Zunächst erzählten sie sinnbildlich für ihr bewegtes Arbeitsleben eine ihrer Lieblings-Bibelgeschichten: von der Überfahrt der Jünger über den See Genezareth. Dabei zieht ein Sturm auf. Das Boot droht zu kentern. Als Jesus über das Wasser zu ihnen geht und sie beruhigt, möchte Petrus ihm auf dem gleichen Weg entgegenkommen. Jesus ermutigt ihn. Er traut sich – und es gelingt ihm, über das Wasser zu schreiten. Erst als er die Wellen und den Wind wahrnimmt, droht er unterzugehen und wird von Jesus gerettet. Die Geschichte erzähle vor allem von dem Mann, der beschließt, aus dem Boot auszusteigen und auf dem Wasser zu laufen, betonte Dieter Schwirschke. „Er hat beides: Mut und Angst. Ich kenne das auch in mir – und manchmal wechseln sich beide auch ab.“ Während ihres Berufslebens sei oft der Anfang schwierig gewesen. Dagmar Schwirschke erinnerte sich, wie es für sie gerade in einer ländlichen Gemeinde anfangs gar nicht so einfach war, als Pfarrerin ernst genommen zu werden. „Diese Anfangszeit hat für mich alles andere als festen Boden unter den Füßen bedeutet“, sagte sie.

Zwei Stunden isoliert – und doch verstanden

Pfarrer Dieter Schwirschke – der Mann, der einmal zwei Stunden sprachlos war und daraus eine Berufung machte.

Dieter Schwirschke erinnerte an seine erste Erfahrung als Hörender bei einer Veranstaltung für Gehörlose. Eigentlich sollte ein Gehörlosenseelsorger für ihn dolmetschen, aber der Mann musste überraschend weg – und Schwirschke saß dort zwei Stunden fest. Während die Anwesenden sich bestens in Gebärdensprache unterhielten, verstand er nichts, gänzlich isoliert. Am Ende habe ihm diese Erfahrung aber geholfen, Gehörlose besser zu verstehen, sagte er. Sie würden sich in Gruppen hörender Menschen oft ebenso ausgeschlossen fühlen. Dagmar Schwirschke ergänzte: „Wir beide hatten als hörende Menschen in der Gehörlosenwelt immer wieder das Gefühl, einige Erfahrungen unserer Gehörlosengemeinde zu teilen.“ Dazu gehöre, dass es nicht so ganz einfach war, zwischen den Welten zu vermitteln – deutlich zu machen, was sie in der Gehörlosengemeinde tun und was die gehörlosen Menschen brauchen. Das sei kein Vorwurf, sondern die Beschreibung einer nachvollziehbaren Situation. Aber sie hätten einiges gelernt.

400 Jecken, laute Musik – und das Gefühl, im schwankenden Boot zu sitzen

Eine Gemeinde, die Gebärden spricht – und zwei Menschen, die zuhören lernten.

Als schönes Beispiel dafür erzählte Dagmar Schwirschke von dem Besuch einer Karnevalsveranstaltung für Gehörlose in der Trinitatiskirche. 400 bis 500 gehörlose Jecken hätten das Gemeindehaus gestürmt, wunderbar verkleidet. Bei lauter Musik, die sie nicht hörten, sei viel gebärdet worden – und die Stimmung bestens gewesen. Doch dem Pfarrer-Paar sei es gar nicht wohl dabei gewesen. „Wir haben die ganze Zeit gehofft, dass nichts passiert, dass niemand verletzt wird. Wir haben uns gefühlt, als hätten wir die volle Verantwortung“, erzählte sie. Dann aber hätten sie gemerkt, dass jedes Mitglied des Gehörlosenvorstands bereits im Vorfeld eine bestimmte Aufgabe übernommen hatte. „Es war super organisiert und strukturiert“, so Schwirschke. „Das Gefühl, in einem schwankenden Boot zu sitzen, hat sich dadurch aufgelöst. Und wir haben gemerkt, wie viel Verantwortung die Gehörlosen übernehmen.“ Später sei es für sie herausfordernd gewesen, auch ehrenamtliche Seelsorger auszubilden. „Ich bin zwar gerne Seelsorgerin, aber keine Pädagogin“, sagte Schwirschke. Zudem hätten ihr Einzelgespräche mehr gelegen als Gruppen. Am Ende habe sie aber in allen Kursen wunderbare Menschen kennengelernt, die keine überhöhten Erwartungen an sie hatten, sondern offen waren – für ihre Art und für das, was sie zu geben hatte. Dagmar Schwirschke zog ein Fazit: „Wir haben uns unser Arbeitsleben nicht immer leicht gemacht. Wir haben alles sehr durchlebt und manchmal auch durchlitten. Wir haben aber eine Balance gefunden zwischen Bangen und Hoffen, Sorge und Zuversicht, Angst und Vertrauen – nun auch darin, dass es für die Gemeinde gut weitergehen wird.“

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

Der Beitrag Zwischen zwei Welten – wie Dagmar und Dieter Schwirschke 30 Jahre die Gehörlosengemeinde Köln prägten erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.